Kaspar Hauser Triptychon

Bildbeschreibung von Eckart Böhmer

Intendant der Kaspar-Hauser-Festspiele

 

Bereits die vom Künstler gewählte Form des Triptychons kündet etwas Gewichtiges an: es geht um Leben und Tod! So sieht der Betrachter auf der linken Tafel in Rückenansicht ein nacktes, noch ganz unschuldig anmutendes Kind ("holder Knabe im lockigen Haar") und auf der rechten Tafel einen Sarg oder gar Sarkophag, der über den rechten Bildrand hinausreicht. Die Mitte des Triptychons aber markiert den Schlüsselmoment, einer "memento mori", bei dem zu erahnen ist, dass einem Menschen nach dem Leben getrachtet wird, um ihn in den Tod zu befördern.

Auffallend ist gleich die markante, dreifache Wahl der Rückenansichten.Drei der vier dargestellten Figuren bleiben im Anonymen, sie geben ihr Gesicht und somit ihre Idendität nicht preis. Dem Betrachter des Gemäldes kommt durch diesen Kunstgriff weniger etwas "entgegen", als dass er mit hineingenommen wird in das Geschehen.

Auf der linken Seite also ist ein Kind zu sehen, dass auf eine leicht geöffnete Tür zugeht. Eine verhüllte Figur, wohl eine Frauengestalt, geht ihm einige Schritte in gleicher Richtung voraus. Der Raum scheint hoch zu sein, und die noble Tapete sowie das edle Parkett künden von etwas Herrschaftlichem. Am Fuße des Kindes ist ein kleines Schlaukelpferd zu sehen. Das Spielzeugpferd ist ein wichtiges Attribut in der Kaspar-Hauser- Geschichte, sprich er selbst doch davon, in seiner Gefangenschaft über lange Zeiträume eben mit einem solchen Pferd gespielt zu haben. Wohin aber führt die Gestalt das Kind? Ins Freie? Oder wird es entführt? Das Gelb des Gewandes der Gestalt wiederholt sich in ähnlichem Ton in der Farbe des Sarkophags auf der rechten Tafel. Führt die Frau den Knaben also letzten Endes in den Tod? Es ist vor allem diese linke Tafel, die an die "Erbrinzentheorie" denken lässt. Ist es doch belegt, welch gewichtige Rolle die Gräfin Hochberg bei dem Kindsaustausch im Jahre 1812 spielte, als im Karlsruher Schloß der Erbprinz aus der Wiege geraubt wurde und an seiner statt Ernst Blochmann zu sterben hatte - ein Kind aus einer Bediensteten -Familie just der Gräfin.

Nun wird der Blick des Betrachters aber bereits vehement auf die Mitteltafel des Triptychons gelenkt. Vor einer großen Meerlandschaft mit bedrohlich rotgefärbtem Himmel sitzt eine männliche Figur, die auf ein Bild blickt, welches er in seiner Hand hält. Und da die Figur auch in markanter Rückenansicht gemalt ist, wird der Betrachter des Gemäldes gewissermaßen zum Verbündeten der Figur. Eine unangenehme Tatsache, ist doch durch ein griffbereit liegendes Messer zu erahnen, dass wir es hier mit einem Auftragsmörder zu tun haben, der gerade Kontakt zu seinem Opfer aufnimmt.Das Bild im Bild nun spricht eine klare Sprache. Zu erkennen ist Kaspar Hauser, wie er auf dem berühmten Gemälde von Karl Kreul 1830 portraitiert wurde. Es gilt als die authentischste Abbildung des "Kindes von Europa". Diese Abbildung aber mutiert in dem Gemälde gewissermaßen zu einem Fahndungsfoto - nicht aber des Täters, sondern des Opfers. Und dieses Antlitz auf dem Bild im Bild bekommt daher einen so großen Stellenwert, ist es doch das einzige Gesicht überhaupt, das auf dem Triptychon klar zu sehen ist.

Viele Fragen tun sich in diesem Moment bereits auf.  Wo befinden wir uns? Liegt Mittelfranken, in dem der Mord an Kaspar Hauser geschah, doch bekanntermaßen "nicht am Meer"(H.Haberkamm) Sind wir, die wir die Betrachter der Szene sind, alle am Mord gewissermaßen beteiligt, so wie es Jakob Wassermann eindringlich in seinem Kaspar-Hauser-Roman formulierte? Was sagen die griffbereiten Handschuhe aus? Warum haben wir es mit einem offenkundigen Küchenmesser zu tun und nicht mit einem antiken Dolch, wie er bei der Ermordung Kaspars verwendet wurde?

Wir sehen den Mord nicht! Wohl aber desssen Konsequenz! Denn auf der rechten Tafel erscheint der bereits erwähnte Sarg. Er schwebt nahezu über einer blauen, gespiegelten Fläche und zeigt in seiner Beschaffenheit ähnlich aristokratisch-noble Züge auf, wie sie bereits in der Beschaffenheit des Raumes im linken Bild gegeben waren. Dahinter im Profil stehend ein Mann, dessen Gesicht zu einem großen Teil von einer Mullbinde bedeckt ist. Auch diese Szene spielt nicht in Mittelfranken, aber auch nicht am Ort des Täters. Wieder sind wir entrückt! Nun befinden wir uns in der Welt hoher Berge. ("Die Linien des Lebens sind verschieden, wie Wege sind und wie der Berge Grenzen"F.Hölderlin) Der Gebirgssee nun ist völlig still und bildet einen eindrücklichen Kontrast zu dem bewegten Meer des Mittelbildes.

Markant ist das, was mit dem Mann geschieht. Sein Brustkorb verwandelt sich in einen geöffneten Käfig, aus dem heraus ein Vogel Richtung Freiheit fliegt. Kaspar Hauser nannte seinen Kerker, in dem er gefangen gewesen war, des Öfteren auch seinen Käfig. Die an René Magritte erinnernde Szene wirft erneut viele Fragen auf. Wer befreit sich hier? Ist es das Opfer, das durch den Tod in die Ewigkeit des Seelischen aufsteigt? Oder ist es vielmehr der Schöpfer des Gemäldes selbst, der in dem dargestellten Manne zu erkennen ist? Geschieht in ihm eine Befreiung, in dem er sich der Kaspar-Hauser-Thematik gestellt hat? Die Mullbinde vor seinem Gesicht erinnert an das Ereignis um Lazarus und dessen Auferweckung("Komm heraus"). Geschieht also im Schöpfer des Triptychons ein "Stirb und Werde Prozess", in dem er sich dem Findling widmete? Von Kaspar Hauser wissen wir, dass er an einem 17. Dezember starb, von alters her auch als der Tag des Lazarus benannt!

Jakob Wassermann sagt: "Kaspar Hauser wird so mächtig im Tode sein, als er ohnmächtig im Leben war". Unter dem schwebenden Sarkopharg ist, gewissermaßen als dessen Schattenwurf, ein Kreuz zu sehen. Befreit also der tote Kaspar Hauser die Lebenden von deren jeweiligen "Eingesperrt-Sein", so sie in innige Berührung mit ihm kommen?

Ein interessanter Gedanke! Ein metaphysischer Gedanke, ausgelöst durch die hyperrealistische Malkunst dieses eindrücklichen Triptychons.

 

Eckart Böhmer

Intendant der Kaspar-Hauser-Festspiele

 

Triptychon Karfreitag

135x105cm

150x105cm

135x105cm


Für das  Triptychon Karfreitag

wurde mir 2005

der

1. Ansbacher Kunstpreis

verliehen

Grundlagen für die Bildidee zum Triptychon Karfreitag

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nimmermehr in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.

Johannes 8/12.

Dieser Vers aus dem Johannesevangelium, der auf der Rückseite meines Triptychons auf schwarzem Grund mit weißer Kreide geschrieben steht, kontrastiert mit der

Farbigkeit  der Tafeln auf der Vorderseite. Aus der Finsternis der Rückseite wird Licht und dies symbolisiert das Leben.

Wie auf dem linken Tafelbild " Das Kreuz ist der Weg " balancierend in Angriff genommen wird, sollte sich der Betrachter auch auf den Weg übers Mittelbild zur rechten Tafel führen lassen, um die Bildrätsel zu lösen.

- Das Kreuz ist der Weg-

stand für einige Zeit als Thema für mich im Raum.

Während der nächsten Monate kam ich von dieser Beschreibung meines Triptychons ab und für mich stand fest, es muss "Karfreitag" lauten. Dieser Tag den ich als Kind immer so traurig fand, hatte für mich auf einmal so viel Erfreuliches an sich. Dass dieser Tod am Kreuz für mich gestorben wurde und ich nur daran glauben muss, weil sich Christus auch für mich ans Kreuz nageln ließ, hat Karfreitag für mich seine Trauer verloren. Karfreitag wird zur Befreiung meiner Seele.

 

Interpretationsversuch zum Triptychon.

Im Mittelteil des Triptychons ist die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben  das Hauptthema. Kann der Mensch überhaupt zum absoluten Glauben fähig sein? Wie kann ich Glauben verwirklichen? Kann ich mit mir im Glauben zufrieden sein? Ist vielleicht hierín die Erfüllung des Lebens zu finden? Wo kann ich Gott finden?

Auf der linken Bildtafel ist die Auseinandersetzung mit dem Glauben abgeschlossen und man kann sich auf den Weg durchs Leben machen, nach dem Motto " Das Kreuz ist der Weg".

Auf der rechten Bildtafel ist das Kreuz geschultert, der Mensch ist angekommen und kann ganz ruhig und entspannt auf die Überfahrt in ein besseres Leben warten.

 

 

 

Mitteltafel

Alles was auf der Tafel zu erkennen ist, sollte auf seine Symbolkraft  untersucht werden. Es sind einzelne Fragmente der Glaubensbotschaft anhand der vier Figuren und ihrer Umgebung herausgearbeitet. Alle diese Figuren zeigen meine Physiognomie und kommunizieren als stummer Gesprächspartner mit dem Betrachter. In der Mitte des Bildes erkennt man eine durch das Kruzifix halb verdeckte Figur, die das Kreuz scheinbar nach vorne tragen will. Diese Handlung symbolisiert hier den Apostel Paulus der sagt, dass wir das Wort Gottes als Glaubensgemeinschaft nach außen verkünden sollen. Wir nehmen die Botschaft Gottes aus unserer Kirche mit nach draußen. Sie hat nicht nur ihren Platz in der Kirche, starr und fest verankert im Chorraum, sondern sie ist überall gegenwärtig. Der fragende Gesichtsausdruck symbolisiert das Hinterfragen dieser Tat. Den Blick aber fest auf den Betrachter des Bildes gerichtet, dem man sich nicht entziehen kann, auch wenn man seinen Standort wechselt. Immer wird man von  diesem Blick verfolgt und dieser Blick fordert zur Auseinandersetzung heraus. Die rechte Hand ist nicht sichtbar und so wie die  linke Hand zupackt, kann das schwere Kreuz gewiss nicht getragen werden. Einmal mehr ist der Betrachter angehalten sich hier zu fragen, wer hinter dem Kreuz steht.


Dieses Kreuz findet man im Münster zu Heilsbronn. Ich habe bewusst diese Kreuzdarstellung ausgewählt, weil der Künstler Jesus mit  echten Haaren darstellte  und sie nicht wie sonst üblich geschnitzt hat . Dieses bringt zum Ausdruck, dass Christus in uns lebendig weiter lebt und für uns am Kreuz gestorben  ist. Obwohl diese Aussage so eindeutig ist, sind wir Zweifler, unschlüssig darüber, ob das was wir glauben wohl das Richtige sei. Kann ich nur glauben was ich sehe, was sich wissenschaftlich beweisen lässt? Alles das scheint beim Glauben nicht so einfach. Deshalb sind wir alle gleich mit dem Jesusjünger Thomas. Er ist im Bild dargestellt, rechts stehend leicht an die Säule gelehnt und mit skeptischem Blick zum Kreuz aufschauend. So wie Thomas nur das glaubte was er auch sehen konnte, nämlich dass Jesus am Kreuz gestorben ist, so schwer fiel es ihm im Auferstandenen Jesus zu erkennen. Der ganze Raum der sich auf der Mitteltafel auftut ist nur auf das rechte Auge dieser Figur ausgerichtet. Hier ist der Fluchtpunkt und symbolisiert so das Sehen einer Handlung, aber der Sinn bleibt verborgen.  Weil Christus aus Liebe zu uns Menschen gestorben ist - ist das Karfreitag? Oder sehen wir diesem Geschehen total unbeteiligt zu. Irgendwie zurückgelehnt auf einem Freizeitstuhl sitzend, als ob das alles  für mich nicht geschehen ist. Oder bekennen wir uns wirklich zu diesem Glauben? Die vierte Figur ist der Zweifler, der alles mit seinen Sinnen aufnehmen kann, aber sich gleichzeitig verstecken möchte.

Keine meiner Figuren verkündet das Wort, es sind stille Betrachter. Ich gab  ihnen die Farbe Blau, als Symbol für das Unendliche. Ist nicht das Streben aller, die nicht an Christus glauben können, an das ewige Leben zu glauben, an die Sehnsucht und  an das Paradies?  In dieser senkrechten Achse befinden sich Jesus am Kreuz - der Zweifler und die Sünde. Dies symbolisiert - Versuchen und Hoffnung.


Linke Seitentafel

Aus der Enge des Mittelbildes macht sich eine bildfüllende Figur auf den Weg ins Leben. Gleichsam als Befreiung steht der weite Blick ins Tal. Die Entscheidung, die im Mittelbild scheinbar getroffen wurde, ist vollendet und steht zur Erfüllung an. Es wird der Weg auf der Grundlage des Glaubens in Angriff genommen. Es ist ein vorsichtiges Balancieren, ein sich Hineintasten ins Leben spürbar. Einerseits steht  der hier Dargestellte mit dem linken Fuß fest auf der Erde, andererseits berührt nur seine rechte Fußspitze den waagrechten Teil des Kreuzes. Er hat den Weg mit Jesus gewählt und betrachtet ihn wie ein Sprungbrett ins Leben. Schwebend wie ein Engel macht er sich auf  den Weg durch sein Leben. Der Boden auf dem das Kreuz liegt, zeigt zwei verschiedene Vegetationen.

Die Löwenzahnwiese steht symbolisch für Fruchtbarkeit. Selbst auf kargen Bodenverhältnissen gelangt sie zur Blüte und verbreitet sich. Der Blick in die weite Landschaft ist der von der Osterwiese des Hesselbergs in Richtung Wassertrüdingen. Auch dies kann symbolisch gedeutet werden. Es ist eine Frühlingslandschaft, die helle und dunkle Flächen aufweist, gleichsam unserem Lebensweg. Der Frühling als Symbol für Erneuerung, für Aufbruch und Beginn des neuen Lebens. Auch in der Darstellung des Himmels und der Horizontlinie ist  die Lebensstation Ruhe in der waagrechten Anordnung der Wolken und deren Bewegung erkennbar.


Rechte  Seitentafel

Eine unheimliche, fast schon körperliche spürbare  Ruhe durchzieht das Bild.  Licht kommt aus der Unendlichkeit und durchstrahlt so die Figur. Dieser Mensch ist scheinbar angekommen hat sein Kreuz geschultert und wartet in ganz entspannter Haltung. Über dem Kreuz ist ein mächtiger Berg zu erkennen, der symbolisch für die großen Ziele im Leben steht. Er scheint bewältigt zu sein, denn er steht nicht mehr auf dem Boden, sondern erhebt sich über die Horizontlinie. Im Gegensatz zur linken Tafel ist der Himmel total ruhig gehalten und es dauert nicht mehr lange bis die Nacht hereinbricht. Es ist geschafft könnte man meinen. Seine nackten Füße ruhen auf einer Säule. Diese steht symbolisch für unsere abendländische Kultur, in der seit  Jahrtausenden der christliche Glaube das Leben bestimmt. Der Ruhende ist barfüßig, der  kirchlichen Symbolik nach rein. Und nur so soll er nach der biblischen Geschichte seinem Schöpfer gegenübertreten. Der Kahn der noch kein Wasser unter seinem Kiel hat, deutet eine Überfahrt an. Der Ruhende scheint vorbereitet zu sein, auf das was da noch kommen soll. Das Meer ist noch nicht gefüllt und die Zeit für die Überfahrt in die Unendlichkeit hat noch nicht begonnen. Erst bei genauem Betrachten des Kahns merkt man, dass dieser aus Marmor ist und somit kaum für eine Überfahrt taugt. Die Spuren die im Sand zu erkennen sind symbolisieren unsere Taten, die Spuren die wir hinterlassen. Bei genauer Betrachtung ist zu erkennen, dass dies immer wieder die gleichen Spuren sind, symbolisch dafür, dass der Mensch immer wieder die gleichen Fehler begeht.


Schlussbetrachtung

Mit dieser Beschreibung des Bildinhaltes ist zwar nicht alles beantwortet was als Fragen in diesem Bild verschlüsselt enthalten ist, aber es soll ja nur ein gewisser Anstoß sein, sich selbst in das Bild zu vertiefen. Für sich selbst Fragen zu beantworten und sich von der Gestaltung, auf die ich bei meiner Interpretation überhaupt nicht eingegangen bin, durchs Bildgeschehen führen  zu lassen. Die Kraftlinien die der Komposition Halt geben, erschließen sich ja für den Kunstfreund und werden ihn durchs Bild führen. Ein Bild lebt für sich selbst, es steht  sozusagen vor dem Wort. Ein Dichter braucht das Wort, der bildende Künstler hat die Farbe, die Fläche und die Linie um sich auszudrücken. Das Triptychon lebt von der Gestaltung des Lichts, dem Setzen der Figuren und seinen Zwischentönen im Hell-Dunkel-Bereich.